Die Tochter des Osterhasen

Neal Skye (© 2018)

“Bist du dir da wirklich sicher?” Mama Dörte Hase sah ihre Tochter Jasmina besorgt an. Zu gerne würde sie dem Hirngespinst ihrer Tochter ein Ende bereiten. Es hieß doch nicht umsonst “es kann nur einen geben”. Würden sie wollen, dass auch Häsinnen teilnähmen, hätten sie es doch klar formuliert!

“Mama!”, quengelte Jasmina. “Ich bin klug genug!”

Dörte seufzte. Das war ihre Tochter ganz bestimmt. Von ihr hatte sie das nicht, diesen Ehrgeiz, in der Schule die Beste sein zu müssen. Dafür hatte sie von ihr die Ordentlichkeit. Papa Hase war sogar Abteilungsleiter geworden, aber seine Hefte hatten zur Schulzeit immer schlimm ausgesehen. Eselsohren, Möhrensaftflecke – er hatte ein Talent, ein weißes Blatt Papier zu füllen, bevor er auch nur einen Buchstaben geschrieben hatte. Dörte hatte lange genug neben ihm gesessen und immer mit dem Kopf geschüttelt. Aber wenn er denn was geschrieben hatte, dann war es meistens richtig gewesen.

“Natürlich bist du das!” Mutter Hase nickte. Aber das war ja nur eines der Kriterien. Sicher, ein wichtiges, aber die praktische Prüfung war nicht zu unterschätzen.

“Und ich bin schnell!”, lachte Jasmina. “Ich bin flink wie ein Wiesel!” Wie zum Beweis machte Jasmina einige blitzschnelle Bewegungen. "Siehst du?”, lachte sie. “So flink wie ich ist keiner!”

Mutter Hase seufzte erneut. Natürlich hatte ihre Tochter  recht. Daran war wiederum Jasminas Bruder Oskar schuld, der seine jüngere Schwester immer wieder geärgert hatte, so dass sie lernte, immer schneller zu laufen, immer rafiniertere Haken zu schlagen und ihm letztlich fast immer hatte entwischen können. Aber das war ja nur ein Teil der praktischen Prüfung. Sicher, ein wichtiger, aber der andere Teil war nicht zu unterschätzen.

“Ich weiß, ich werde schwer tragen müssen.”

Sehr schwer tragen, dachte die Mutter. Zu schwer tragen. “Aber ich bin so schnell, ich laufe einfach doppelt so schnell, dann muss ich nur die Hälfte tragen!

“Da ist noch etwas anderes”, sagte die Mutter traurig. “Nein!”, wehrte Jasmina ab! "Ich will es schaffen. Papa hat es doch auch geschafft damals. Und wie oft hat er von den leuchtenden Kinderaugen erzählt?”

Das tat er heute noch. Dachte Mama Hase. Stolz war er und was hatte er seinem Oskar von der Ehre vorgeschwärmt in der Hoffnung, sein Sohn würde eines Tages in seine Fussstapfen treten. “Meinem Lebenslauf hat das nicht geschadet”, pflegte er immer zu sagen. “Das hat mir viele Türen geöffnet. Und nebenbei sollte es doch der Höhepunkt eines jeden jungen Hasen zu sein, einmal in seinem Leben der Auserwählte zu sein. Oskar Hase, Osterhase 2017. Aber Oskar hatte keine Ambitionen gehabt, sich dem Wettbewerb zu stellen, sich mit Hunderten von anderen Hasen zu messen und sich hinterher auslachen zu lassen. Coole Jungs wollen nicht mehr Osterhase werden, hatte er seinem völlig verdutztem Vater gesagt. “Das ist was für Weicheier!” Papa Hase geschluckt. Die Rolle des Osterhasen war etwas für Weicheier? Er war voller Stolz 1992 der Osterhase gewesen, hatte so viele Kinder glücklich gemacht. Noch heute schwärmten viele davon, dass niemand danach so tolle Verstecke gefunden hatte, wie er. Und doch hatte er alle Eier ausgeliefert.

“Das waren andere Zeiten, Jasmina”, sagte Mama Dörte. “Heute glaubt niemand mehr an den Osterhasen.”

“Schlimmer noch!”, vernahm sie plötzlich eine tiefe Stimme. Papa Hase war von der Nachtschicht in der Ostereierfarbenmischerei gekommen. “Die meisten Kinder freuen sich gar nicht mehr über Ostereier.”

“Du hast da noch Farbe an der Nase”, bemerkte Dörte und sah sich nach einem Tuch um.

“Ich mach das gleich selber weg!”, entgegnete Papa Hase unwirsch. “Was ist hier eigentlich los? Warum strahlt mich meine Tochter so an?”

Jasmina blickte zu ihrer Mutter, die die Augen verdrehte.

“Deine Tochter hat sich in den Kopf gesetzt, sich in diesem Jahr an dem Wettbewerb zur Bestimmung des Osterhasen mitzumachen.”

“Ehrlich?” Aus Papa Hases Augen strahlte der Stolz förmlich heraus.

“Gregor!”, rief Mama Hase entsetzt. Er durfte ihr doch keine Hoffnungen machen? Es tat ihr in der Seele weh, dass sich ihre Tochter einem Wettbewerb stellen wollte, den sie nicht gewinnen konnte. “Wenn du das wirklich willst, dann mach das!”

Die Kollegen würden Augen machen. Sie hatte es drauf!

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“Ich habe schon jetzt fünf Punkte mehr als du, Mäuschen!” Jasmina hasste es, so genannt zu werden. Sie war nur unwesentlich kleiner als die meisten ihrer männlichen Kontrahenten und sie lag vor dem letzten Wettbewerb auf dem zweiten Platz. Sie war ein ausgewachsener Hase. Ein weiblicher Hase, aber kein Mäuschen! Bruce lachte, als er ihren wütenden Blick sah. Na warte! Im letzten Wettbewerb galt es nun, möglichst viele Körbe von dem Fabriktor über die Brücke, die über einen kleinen Bach führte, über einen kleinen Hügel hinüber in die Mitte einer Lichtung zu tragen.

Aber die Körbe waren so schwer, dass sie immer nur einen Korb auf einmal tragen konnte. Sie rannte los und rannte schneller als alle anderen. Aber als sie den ersten Korb auf der Lichtung abgestellt hatte und sich gerade auf den Rückweg machen wollte, kam ihr Bruce schon entgegen. Das Schlimmste aber war: Er trug zwei Körbe. Selbst wenn sie es schaffte, doppelt so schnell zu laufen – Bruce trug doppelt so viel und es war gar nichts gewonnen. Jasmina lief und lief, aber sie wurde immer langsamer. Schon bald stellte Bruce den letzten Korb auf die Lichtung und lachte Jasmina aus, die immer noch Korb für Korb von dem Fabriktor über die Brücke, die über einen kleinen Bach führte, über einen kleinen Hügel hinüber in die Mitte einer Lichtung trug.

“Du kannst aufhören, ich habe gewonnen! Loser! Loser! Losermäuschen!”

Bruce tanzte. Aber Jasmina hörte nicht auf. Sie rannte weiter hin und her, bis auch der letzte Korb auf der Lichtung stand. Erschöpft ließ sie sich auf den Rasen fallen und keuchte.

“Ich bin beeindruckt. Wer bist du`", fragte ein älterer Hase mit einer dicken Brille.

“Jasmina Gregorstochter”, keuchte die junge Häsin.

“Gregor? Gregor ist dein Vater? In dir steckt das Blut eines echten Osterhasen! Und das hast du heute bewiesen!”

“Ich habe verloren!”, maulte Jasmina. Hatte der alte Hase schon schwache Augen?

“Du hast nicht verloren!” Der Alte schüttelte den Kopf. “Du hast Mut bewiesen und Moral. Jeder Korb steht auf der Lichtung nebeneinander. Selbst den letzten Korb hast du dahin gestellt, wo er hin sollte.” Der Alte deutete auf die Lichtung. “Sieh dir diese Unordnung der anderen an, die nichts als schnell fertig werden wollten. Aber du, du hast es richtig machen wollen.”

“Ja, aber zu langsam”, schmollte Jasmina.

Wer war der Alte? In dem Moment kam ihre Familie auf sie zugerannt und umarmten sie voller Stolz, Papa, und Sorge, Mama. Selbst ihr Bruder klopfte ihr anerkennend auf die Schultern. Dann sah Papa den Alten und schien wie erstarrt.

“Meister Lampe, persönlich! Welche Ehre!”

“Die Ehre ist auf meiner Seite, Gregor Edgarssohn. Ich weiß sehr wohl, wer du bist und die junge Häsin hier ist vom selben Schlag!” Fast väterlich sah er Jasmina an. “Weißt du, es gibt Regeln, die kann selbst ich nicht ändern. Du hast den Wettbewerb nicht gewonnen, also kann ich dich nicht zum Osterhasen machen.” Jasmina schluckte. Für eine Sekunde hatte sie gehofft gehabt, er könnte …  “Aber wusstest du”, fuhr Meister Lampe fort, “dass der Osterhase einen Chef hat? Ja, das bin ich. Einer muss schließlich alles koordinieren, dafür sorgen, dass Ostern perfekt vorbereitet ist. Aber in ein paar Jahren werde ich mich zur Ruhe setzen und daher suche ich nach einem Nachfolger.”

Jasminas Herz klopfte wie wild.

“Oder Nachfolgerin. Nächstes Ostern kannst du, wenn du willst, schon meine Stellvertreterin sein.” Er zwinkerte ihr zu. “Du wärst dann die Chefin von Bruce. Wenn du willst.”

Jasmina jubelte. Sie hatte es nicht geschafft, Osterhase zu werden, aber sie würde die Chefin vom Osterhasen werden, würden dafür sorgen, dass Ostern absolut perfekt werden würde!


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