Cornelia Briend

Was passiert, wenn eine irische Protagonistin aus dem Jahr 982 auf einen amerikanischen Privatdetektiven aus dem Jahr 2015 trifft? Im Rahmen der Herausforderung eines Protagonoistentreffens entstand folgende, kurze Geschichte von Cornelia:

Mein Stoßgebet wurde erhört. Hier bin ich, vor einer Tür, die einladend offen steht. Taghell ist es in diesen Räumen, viel heller als in der Burg meines Vaters, wo mein Verhängnis begann. Vorsichtshalber ziehe ich das Messer mit dem Silbergriff, das ich am Gürtel trage. So etwas wie im Wald geschieht mir kein zweites Mal!
Am Tisch sitzt ein Mann, hebt den Kopf, sieht durch mich hindurch, schreibt weiter. Aber nur zwei Worte, dann fällt ihm sein Schreibwerkzeug aus der Hand. Er starrt mich an. Mit vorgestreckter Klinge trete ich ein und spähe in die Ecken. Es ist niemand weiter da. Ich senke den Arm, und er entspannt sich.
„Normalerweise klopfen meine Klienten an, bevor sie hereinkommen.“
Ich sehe mich nach der Tür um. In die Oberfläche, die durchsichtig ist wie Eis, sind Schriftzeichen eingeritzt. Niclas Richmond - ist das sein Name? Klingt nach normannischem Adel. Ich bin bei Normannen aufgewachsen, darum fasse ich Vertrauen und poche, wie er es wünscht, mit dem Messerknauf an. Es gibt ein Geräusch, als wolle das Eis zerspringen.
„Nun lassen Sie‘s mal gut sein, Frollein …“
„Ceara, Tochter des Brendan.“
Niclas Richmond weist auf einen Stuhl. „Wie kann ich Ihnen behilflich sein, Frau, äh ...?“
„Könnt Ihr wohl in Erfahrung bringen, wer sich hinter Olcán verbirgt? Ich meine, wer er wirklich ist? Was bezweckt er damit, sich als Freund meines Stammes aufzuspielen und mich gleichzeitig so schmachvoll zu behandeln?“
„Epochedarstellerin, hm? Netter Marktsprech.“ Neugierig lugt er unter den Tisch, betrachtet meine Schuhe und das Messer, das ich noch immer auf dem Schoß halte. „Gibt es Trouble in der Reenactment-Szene? Irgendein A-Papst, dem Ihre Stofffärbetechnik oder die Maschinennaht an Ihren Stiefeln nicht authentisch genug sind?“
Wovon redet der Mann? Ich verstehe kein Wort, spüre nur, dass er mich nicht ernst nimmt. „Nein, es geht um Olcán O‘Donovan, den Verbündeten meines Vaters. Ich bin ihm versprochen, aber ich fühle mich von ihm bedroht.“
„Den kenne ich nicht. Hat er Sie geschlagen?“ Erst jetzt bemerkt er die Blutergüsse auf meinem Gesicht. „Erzählen Sie doch mal der Reihe nach.“
Ich seufze. Der Mann ist schwer von Begriff. Also schön, von vorn: Ich bin die Tochter eines irischen Stammesoberhaupts - obwohl mein Vater Brendan sich nicht sicher ist, ob er mich gezeugt hat. Er hat mich aus der Normandie weggeholt, damit ich Olcán heirate und ihrer beider Bündnis festige. Denn es droht Krieg mit dem Nachbarstamm. Doch seit Olcán mir nach dem Überfall im Wald diese Dinge angetan hat, weiß ich nicht mehr, wer hinterhältiger und grausamer ist, er und sein riesiger Wolfshund oder die verfeindeten Corco Mruad. Macht er mit ihnen vielleicht sogar gemeinsame Sache gegen meinen Vater?
Kurz überlege ich, ob ich diesen Richmond auch nach Finn fragen soll. Wenn Olcán der Wolf in Schafspelz ist, ist Finn von den Corco Mruad dann das Schaf im Wolfspelz? Aber ich belasse es dabei, ich wage es selbst nicht zu hoffen.
Niclas Richmond trommelt mit den Fingern auf den Tisch. „Hört sich nach einem Job für mich an. Wie gedenken Sie zu zahlen?“
Ich lege zwei Silbermünzen auf den Tisch, mein ganzes Vermögen. „Reicht das?“
Er schluckt. „Wenn die echt sind - 10. Jahrhundert, unter Sitric in Dublin geprägt, vermute ich? -, dann ist es mehr als genug. Ich muss sie natürlich erst prüfen lassen. Und ich brauche mehr Details.“
„Vor allem braucht Ihr ein Schwert, guter Niclas. Es wird gefährlich, Euch in Olcáns Reihen zu schleichen.“
Er grinst. „Gefahr ist mein zweiter Vorname.“
Was redet er nur für wirres Zeug? Ich glaube, er weiß noch nicht, worauf er sich einlässt.

Wer Ceara, Tochter des Brendan, noch näher kennenlernen möchte:


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